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Entwicklung der Stadt

Ludwigsfelde ist eine junge Stadt, erst zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts - 1965 - erhielt sie das Stadtrecht. Und dennoch kann ein aufmerksamer Beobachter, Einwohner oder Tourist einiges sehenswürdes in und um Ludwigsfelde entdecken.
Nach erster Erwähnung 1375 im Landbuch Kaiser Karl IV. als Damstorp, nennt man die Besitzung derer von Torgow bald eine wüste Feldmark. Sie bleibt es lange und wird auch durch die Brandschatzungen im Dreißgjährigen Krieg (1618-1648) noch wüster.

Erst im 18. Jahrhundert etsteht etwas Besonderes, das uns bis heute in seiner zeitlosen Schönheit anrührt: der "Alte Krug" nahe der Bahn. Im Jahr 1993 wurde "240 Jahre Schankrecht" im Alten Krug gefeiert und aus diesem Anlaß vor dem Haus eine Linde gepflanzt. Das siebenachsige Fachwerkhaus strahtl trotz mehrfacher Modernisierungen Ursprünglichkeit aus. Handelsreisende in Postkutschen machten hier Rast, fast meint der Geschichtskundige Tritte von Soldaten zu hören, die auf der berühmten Heerstraße zwischen Preußen und Sachsen am Alten Krug vorbeiziehen. Denn Schlachten wurden sechs Jahrzehnte nach dessen Eröffnung in unserer Region geschlagen.


Der Alte Krug

Am bekanntesten ist wolhl jene von Großbeeren am 23. August 1813, einen Tag, nachdem das Gefecht bei Wietstock stattfand. Noch heute erinnern verwitterte Steien und alte Schutzwallanlagen an die Kämpfe zwischen preußischer Landwehr und napoleonischen Truppen, zu finden im waldreichen Viereck zwischen Ludwigsfelde, Kerzendorf, Wietstock und Löwenbruch / Weinberge.

Wer weniger Kriegerisches in der Historie sucht und trotzdem den Herkünften von Ludwigsfelde in seinem Umland nachspüren möchte, der bleibe noch ein wenig am Rande der Stadt und suche den Pechpfuhl. Sein Name leitet sich wahrscheinlich von einer nahegelegenen Pechhütte ab. Pech- und Teerhütten wurden früher in den kieferreichen Sandgegenden des Teltows mehrfach betrieben. Bereits im Atlas der Ämter Potsdams und Saarmunds von Samuel Suchodolets aus dem Jahre 1682 taucht der Name Pechpfuhl auf. Unser Pechpfuhl gliedert sich in einen Nordteil mit Wollgras-Moorrasen und Hochmoorcharakter und einen langgestreckten Südteil mit vier offenen Wasserflächen. Diese wiederum wechseln mit Schwingmoor, das man besser nicht betreten sollte. Am Südwestende führt der Leopoldsgraben Wasser ab, welches am Forsthaus in den Siethener See fließt.


Pechpfuhl


Heute ist dieses ländlich wechselnde Gebiet Erholungsziel vieler Berliner. Das verdanken wir Ludwigsfelder der Tatsache, daß 1843 ein Haltepunkt der Berlin-Anhaltischen Eisenbahn eingerichtet und 1886 schließlich der Bahnhof Ludwigsfelde fertiggestellt wurde. Dieser - am anderen Ende der heutigen Stadt gelegen - ist ebenso, wie seine Nebengebäude und die Eisenbahnerhäuschen, ganz ursprünglich erhalten geblieben.


Bahnhof Ludwigsfelde


Auch die nahe gelegene, 1904 erbaute neue Post und das alte Chausseehaus vermitteln anschaulich den Fortgang in der Entwicklung des Ortes.

Einen wesentlichen, vielleicht sogar den wesentlichsten Impuls erhält Ludwigsfelde 1936/37, als man beschließt, in der Genshagener Heide ein Flugzeugmotorenwerk zu errichten. Die Kurmärkische Kleinsiedlungsgesellschaft baute billige Wohnungen, um einen Stamm von Arbeitern an das Werk zu binden. So entstand damals eine der größten Siedlungsanlagen Deutschlands, die Daimler-Werkssiedlung, beiderseits der heutigen Ernst-Thälmann-Straße. Den nördlichen Abschluß dieses Ortsteils bildet die im Jahre 1944 entstandene Holzhaussiedlung, für die im Jahre 1992 die Stadtverordneten eine Erhaltungssatzung beschlossen haben. Die Holzhaussiedlung kann durchaus den Ruf des Einmaligen für sich in Anspruch nehmen und beeindruckt den Betrachter noch heute.


Daimler Werkssiedlung


Da kann es den Besucher wohl kaum verwundern, wenn selbst die Verwaltung der Stadt bis zum Juni 1993 ihren Sitz in einem hölzernen Gebäude hatte. Diese Baracke aus einem Zwangsarbeitslager veranlaßt uns zum differenzierteren Überdenken der Heimatgeschichte.

Überall in dieser noch jungen Stadt - mit ihrem Grün zwischen den Bauten, in Vorgärten und auf Rasenflächen - ist innerhalb der Stadtviertel Geschichte abzulesen. Wir meinen sogar: überschaubarer und klarer als sonst in einer anderen Stadt; denn ähnlich den Jahresringen an Bäumen bezeugen hier Häusergruppen das Wachstum.

Es beginnt beim Alten Krug, den Häusern nahebei und um den Bahnhof herum. Dann folgen die in den 20er und 30er Jahren zum teil aus Lehm gefertigten Hütten und Häuschen. Ab Mitte der 30er Jahre - mit dem Daimler- Benz-Werk entstehen 536 Siedlungshäuser und eine große Anzahl zweigeschossiger Mehrfamilienhäuser, Anfang der 40er Jahre kommt die Holzhaussiedlung hinzu. Nach 1945 verkörpern elf Neubauernhäuser am Rande der Stadt die neue gesellschaftliche Situation. Sie sind Ausdruck der veränderten Besitzverhältnisse - Ergebnis der Bodenreform. Dann setzt ab 1952 mit Entstehen des Industriewerks erneut ein systematischer Wohnungsbau ein. Im typischen Baustil der 50er Jahre wächst zwischen Bahnhof und Kulturhaus ein neues Wohngebiet. Später, bis in die 70er und 80er Jahre hinein, prägt Großblockweise das Gesicht der Stadt. Namen bedeutender Firmen, nach der Wende im Stadtbild aufgetaucht, und der Baubeginn beim "Wohnpark Dachsweg" lassen hoffen, daß das Gebiet Ludwigsfelde Nord nicht der "krönende" Abschluß aller Bautätigkeit bleibt. Daß allerdings jedes künftige Vorhaben dem Grundcharakter der Stadt im Grünen entsprechen sollte, ist wohl Anliegen jedes Bürgers.


Auch die 50er Jahre prägen das Gesicht der Stadt


Die Ludwigsfelder lieben ihre Stadt, obwohl nur ein geringer Teil der Familien seit Generationen hier ansässig ist - noch 1933 waren es eben nur 478 Seelen. Viele der heutigen Einwohner zogen in den 20er, mehr noch in den 30er Jahren hierher. Später, während des Krieges, wurden Tausende von Zwangsarbeitern vieler Nationalitäten in den Ort gebracht.

Nach dem 2. Weltkrieg, infolge Zerstörung und Demontage des Werkes, ab 1952 wegen der Errichtung des Industriewerks Ludwigsfelde (IWL), später Lkw-Werk mit rund 10.000 Beschäftigten, setzte ein erneutes Kommen und Gehen ein. Und die Einwohnerschaft war ohnehin mit unzähligen Umsiedlern aus dem Banat, aus Siebenbürgen und mit Flüchtlingen aus Schlesien, Ostpreußen und den Odergebieten bunt vermischt. Der Ort, in den sie alle gezogen waren, hat sicher versucht, ihnen ein neues Daheim zu schaffen, die Bedingungen anziehend zu gestalten.

Das Kulturhaus gehörte ohne Zweifel dazu. Äußerlich eher einem Gebäude der Stalin-Ära gleichend, wies das Leben darin nicht viel starres auf. Ballettensemble, Jugendblasorchester, die Chöre wurden weit über die Stadtgrenzen bekannt. Es gab vielseitige Möglichkeiten der Freizeitgestaltung: Zirkel und Arbeitsgruppen wirkten über Jahrzehnte. Ungezählte Theaterabende, Konzerte und Karnevalveranstaltungen bleiben lebendige Erinnerungen, gehören als Kulturgeschichte der Stadt zu unserem Heimaterbe. Vieles davon ist zu wichtigen Keimzellen für das nach der Wende entstandene, vielfältige Vereinsleben in der Stadt geworden.


Der Wohnpark "Dachsweg"


Kultur und Geschichte finden wir auch vereint in einer Sehenswürdigkeit ersten Ranges - dem Heinrich-Heine-Denkmal des Bildhauers Waldemar Grzimek mit Heinrich-Heine-Platz und Siedlungsbauten als Einheit. Im Jahre 1956 eingeweiht, sagt die Witwe des Künstlers - Frau Dr. Lydia Grzimek - bei einem Vortrag über das Werk: "... eine einzigartige Komposition, die dem großen Kunstverständnis der Ludwigsfelder zufolge nicht verborgen und entfernt wurde, sondern im ursprünglichen Gesamtzustand erhalten wurde, im Gegensatz zu Berlin". Und Prof. Hallensleben vom Kunsthistorischen Institut der Universität Bonn wußte in einem Seminar anzumerken: "Das Heine-Denkmal von Ludwigsfelde gilt als eines der bedeutendsten Denkmäler für Geisteshelden in Gesamtdeutschland."

Der Ludwigsfelder Lehrer und Ortschronist Herrmann Reich hat vieles von dem zusammengetragen, was noch erwähnenswert wäre. Seine heimatgeschichtlichen Sammlungen wurden von der Stadt erworben und bilden den Grundstock des am 18. Mai 1994 eröffneten Stadtmuseums. Blieben historische Werte im Dunkel von Archiven, würden geschichtsträchtige Bauwerke beschädigt oder zerstört, so verlören wir unsere Erinnerung. Und mit ihr das Bewußtsein von Geschichte, die niemals und nirgends nur Lokalgeschichte ist, sondern zugleich stets die Gesamtentwicklung und deren Zusammenhänge offenbart.



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